Wie neue Erfahrungen eine Zwickmühle verändern können – und eine innere Haltung entsteht, die trägt
Im ersten Teil dieses Beitrags habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wie persönliche Zwickmühlen entstehen und warum sie uns mitunter über lange Zeit beschäftigen können.
Zwickmühlen haben eine besondere Eigenschaft: Je intensiver wir versuchen, sie zu lösen, desto tiefer können wir uns in ihnen verfangen. Wir wägen ab, führen innere Dialoge, sammeln Argumente für die eine und die andere Seite – und landen doch immer wieder am gleichen Punkt:
A oder B?
Bleiben oder gehen?
Sicherheit oder Veränderung?
Verantwortung oder eigene Bedürfnisse?
Verbundenheit oder Freiheit?
Gerade in der Lebensmitte können solche Fragen an Bedeutung gewinnen. Vieles, was über Jahre selbstverständlich erschien, funktioniert vielleicht noch – und fühlt sich dennoch nicht mehr wirklich stimmig an.
Das Schwierige daran: Es muss noch nicht einmal eine wirkliche Krise geben. Beruf, Beziehungen und Alltag können weiterhin funktionieren. Gerade deshalb lässt sich lange übergehen, dass etwas im eigenen Leben nicht mehr recht mit dem Menschen übereinstimmt, der man inzwischen geworden ist.
Eine Zwickmühle kann Ausdruck genau dieser kaum sichtbaren Spannung sein.
Aber was, wenn die entscheidende Frage gar nicht lautet, welche der beiden Seiten die richtige ist?
Was, wenn ein Teil der Zwickmühle darin besteht, dass wir A und B innerhalb eines Bezugsrahmens betrachten, in dem sie zwangsläufig zu Gegensätzen werden?
Vielleicht beginnt innere Freiheit dann nicht mit einer Entscheidung.
Vielleicht beginnt sie mit einer Irritation.
Ein wesentlicher Bezugspunkt für mein Verständnis von Zwickmühlen ist die Arbeit von Dr. Bernd Schmid und das von ihm entwickelte Dilemma-Konzept. Dabei richtet sich der Blick nicht nur auf die scheinbar unvereinbaren Möglichkeiten selbst, sondern auf den Bezugsrahmen, innerhalb dessen diese Unvereinbarkeit entsteht. Ein Gedanke, der auch meine eigene Auseinandersetzung mit persönlichen Zwickmühlen wesentlich geprägt hat.
Wir alle entwickeln im Laufe unseres Lebens Vorstellungen darüber, wie die Welt funktioniert und wer wir darin sein sollten. Manche davon können wir leicht benennen. Andere wirken eher im Hintergrund. Es sind Leitideen, Überzeugungen, Erfahrungen und Schlussfolgerungen, aus denen persönliche Regeln entstehen.
Etwa:
"Wenn mir meine Familie wichtig ist, muss ich für sie da sein."
Darin liegt zunächst nichts Problematisches.
Doch daraus kann unbemerkt eine engere Regel werden:
"Wenn mir meine Familie wirklich wichtig ist, muss ich eigene Bedürfnisse zurückstellen."
Aus einem Wert ist eine bestimmte Vorstellung darüber geworden, wie dieser Wert gelebt werden muss.
Solche inneren Regeln werden manchmal zu etwas, das wir gar nicht mehr infrage stellen. Sie erscheinen selbstverständlich.
Und genau hier können Zwickmühlen entstehen.
Nicht unbedingt deshalb, weil zwei Werte tatsächlich unvereinbar wären. Sondern weil unsere bisherige Vorstellung davon, wie diese Werte gelebt werden dürfen, keinen anderen Weg erkennen lässt.
Die Frage wäre dann nicht mehr nur:
Entscheide ich mich für A oder B?
Sondern:
Welche meiner Annahmen macht A und B überhaupt zu einem Gegensatz?
Wenn das Selbstverständliche irritiert wird
Der Begriff „Irritation“ klingt zunächst vielleicht unangenehm.
Ich verstehe darunter in diesem Zusammenhang nicht, einem Menschen seine Überzeugungen auszureden oder ihm eine vermeintlich bessere Sichtweise nahezulegen.
Irritation kann viel leiser geschehen.
Eine Erfahrung passt plötzlich nicht mehr vollständig zu dem, was wir bisher über uns und unser Leben geglaubt haben.
Ein Mensch reagiert anders als erwartet.
Eine Begegnung berührt uns.
Jemand sieht etwas in uns, das wir selbst kaum wahrgenommen haben.
Oder wir erleben uns in einer Situation ungewöhnlich lebendig und stellen fest:
Da ist etwas in mir, das Raum haben möchte.
Solche Erfahrungen verändern nicht zwangsläufig sofort unsere Sicht auf die Welt. Aber sie können einen kleinen Spalt öffnen.
Das bisher Selbstverständliche wird ein wenig weniger selbstverständlich.
Meine eigene Zwickmühle
Über viele Jahre begleitete mich selbst eine solche Zwickmühle.
Auf der einen Seite stand das Familienunternehmen und damit etwas, das weit über einen Arbeitsplatz hinausging. Mein Elternhaus hatte mir viel ermöglicht. Daraus war in mir eine tiefe Dankbarkeit entstanden – und damit verbunden der Wunsch, etwas zurückzugeben.
Auf der anderen Seite entwickelte sich zunehmend die Sehnsucht, meinen eigenen Weg zu gehen. Als Coach mit Menschen zu arbeiten, etwas Eigenes entstehen zu lassen und meine Fähigkeiten auf eine Weise einzubringen, die sich für mich lebendig und stimmig anfühlte.
Lange erschien mir beides schwer miteinander vereinbar.
Heute erkenne ich deutlicher, welche innere Regel dabei wirksam war.
Dankbarkeit und Loyalität bedeuteten für mich, meinen Fokus, meine Zuverlässigkeit und meine Hingabe dem zur Verfügung zu stellen, was meine Familie aufgebaut und mir ermöglicht hatte.
Und wenn es darauf ankam, dann eben auch auf Kosten eigener Sehnsüchte.
Bemerkenswert daran ist rückblickend:
Diese Forderung war mir von außen gar nicht auferlegt worden.
Mein eigener Weg wurde von meiner Familie im Grunde nie infrage gestellt.
Die Zwickmühle entstand wesentlich in mir selbst.
Als Bewegung eine andere Bedeutung bekam
Dann folgte ein Moment, der für mich zu einem einschneidenden Wendepunkt wurde.
Im Januar 2014 suchte mich aus heiterem Himmel eine ausgedehnte Beinvenenthrombose heim, die mich buchstäblich ausbremste.
Nun möchte ich daraus keinen medizinischen Zusammenhang mit meiner damaligen Lebenssituation ableiten, aber dieses Erlebnis bekam für mich persönlich eine besondere Bedeutung.
Mein Blutfluss war ins Stocken geraten.
Und ausgerechnet diese Erfahrung des Ausgebremst-Werdens rückte zwei Begriffe immer stärker in den Mittelpunkt meines Lebens:
Bewegung und Lebendigkeit.
Sie wurden mit der Zeit mehr als ein Motto. Sie entwickelten sich zu einer inneren Orientierung.
Was bringt mich in Bewegung?
Was lässt mich lebendig werden?
Und woran merke ich eigentlich, dass das, was ich äußerlich tue, mit meinem inneren Erleben übereinstimmt?
Heute nähre ich meine fließende Lebendigkeit.
Denn so, wie eine fehlende Übereinstimmung zwischen äußerem Tun und innerer Gestimmtheit spürbar werden kann, hinterlässt auch Lebendigkeit ihre Spuren.
Vielleicht in unseren Augen. In unserer Präsenz. In der Klarheit, mit der wir plötzlich etwas vertreten, das uns wirklich entspricht.
Ein neuer Gedanke allein verändert noch keine alte Wirklichkeit
Es hätte vermutlich wenig verändert, wenn mir damals einfach jemand gesagt hätte:
"Du darfst doch deinen eigenen Weg gehen."
Rational hätte ich dem wahrscheinlich sogar zugestimmt.
Aber unsere tief verankerten Bezugsrahmen verändern sich nicht unbedingt dadurch, dass wir ein besseres Argument finden.
Manchmal brauchen wir Erfahrungen, die nicht mehr vollständig zu unserer bisherigen inneren Wirklichkeit passen.
Für mich entstanden solche Erfahrungen über Jahre.
Ich begann mit Einzelcoachings und Workshops in einer Therapeutenpraxis.
Menschen kamen tatsächlich zu diesen Workshops. Es entstanden Begegnungen. Rückmeldungen. Manchmal waren es nur beiläufige Bemerkungen oder Wünsche für meinen weiteren Weg auf einer Geburtstagskarte.
Nichts davon war spektakulär.
Und vielleicht lag gerade darin seine Bedeutung.
Denn diese Erfahrungen zeigten mir immer wieder etwas, das meine alte innere Konstruktion nicht recht erklären konnte:
Ich konnte meinen eigenen Weg gehen und trotzdem verbunden bleiben.
Mehr noch: Mein eigener Weg wurde von Menschen, deren Verbundenheit mir wichtig war, nicht nur toleriert. Er durfte gesehen werden.
Wenn äußere Resonanz leiser wird
Doch auch daraus entstand keine geradlinige Entwicklung.
Besonders in der Zeit um und nach Corona veränderte sich vieles. Die Nachfrage nach meinen Coachingangeboten ging zurück und blieb zeitweise ganz aus.
Mit der fehlenden Resonanz kamen auch Selbstzweifel.
War dieser Weg wirklich richtig?
War das, was ich darin erlebt hatte, vielleicht doch nicht tragfähig?
Solche Fragen verschwanden nicht einfach.
Und dennoch bemerkte ich etwas.
Unterhalb dieser Zweifel blieb eine Stimmigkeit bestehen.
Die äußere Resonanz war wichtig gewesen. Sie hatte Erfahrungen ermöglicht und mein Selbstbild gestärkt. Aber zunehmend musste sie mir nicht mehr beweisen, dass dieser Teil meines Lebens eine Berechtigung hatte.
Vielleicht liegt darin ein wesentlicher Entwicklungsschritt:
Äußere Resonanz kann uns helfen, eine neue Möglichkeit in uns zu entdecken. Innere Stimmigkeit lässt uns mit der Zeit auch dann mit ihr verbunden bleiben, wenn die Bestätigung von außen leiser wird.
Die Ressourcen gehören nicht den Rollen
In einer Coaching-Demonstration, an der ich vor Jahren teilnahm, wurde meine damalige Zwickmühle einmal auf einem Flipchart sichtbar gemacht.
Es war lediglich eine etwa 45-minütige Demonstration. Und doch berührt mich heute, viele Jahre später, mit welcher Tiefe darin etwas sichtbar wurde, das ich damals vermutlich noch gar nicht vollständig erfassen konnte.
Auf der einen Seite standen Ressourcen wie:
Fokus. Hingabe. Zuverlässigkeit. Perspektive. Zuversicht.
Auf der anderen:
Leidenschaft. Herzblut. Freude. Verbundenheit.
Heute sehe ich darin etwas, das mir damals in dieser Klarheit noch nicht zugänglich war:
Diese Ressourcen gehören nicht meinen Rollen. Sie gehören mir.
Zuverlässigkeit gehört nicht dem Familienunternehmen.
Leidenschaft gehört nicht dem Coaching.
Verbundenheit gehört nicht meiner Familie.
Und Lebendigkeit gehört nicht einem bestimmten Beruf.
Ich kann zuverlässig sein, ohne mich selbst zurückzustellen.
Ich kann meinen eigenen Weg gehen, ohne dafür meine Verbundenheit aufgeben zu müssen.
Und ich kann unterschiedlichen Aufgaben in meinem Leben aus derselben inneren Haltung heraus begegnen.
Vielleicht liegt gerade darin eine besondere Qualität solcher inneren Begegnungen:
Nicht jede Erkenntnis muss in dem Moment vollständig verstanden werden, in dem sie entsteht. Manches wird zunächst nur berührt – und entfaltet seine Bedeutung erst später.
Was beide Seiten miteinander verband
Mit der Zeit wurde für mich ein gemeinsamer Kern sichtbar.
Sowohl in meiner Tätigkeit als Coach als auch in meiner Rolle im Familienunternehmen geht es mir wesentlich um die Begegnung mit Menschen und darum, persönliche wie gemeinsame Entwicklung zu unterstützen.
Damit verschwand die äußere Verschiedenheit meiner Lebensbereiche nicht.
Sie musste auch gar nicht verschwinden.
Es entstand vielmehr eine übergeordnete Haltung, aus der heraus beide ihren Platz bekommen konnten.
Und noch etwas veränderte sich.
Meine frühere Vorstellung von Dankbarkeit und Loyalität begann sich zu weiten.
Heute sehe ich die Nutzung meiner Potenziale auf eine für mich stimmige Weise nicht mehr als etwas, das meiner Verbundenheit mit meinen Eltern entgegensteht.
Im Gegenteil.
Das Leben, das ich entfalten darf, ist auch das Leben, das mir durch meine Eltern geschenkt wurde.
Meine Möglichkeiten ernst zu nehmen, meine Lebendigkeit zuzulassen und das Eigene in die Welt zu bringen, kann deshalb für mich selbst Ausdruck von Dankbarkeit und Verbundenheit sein.
Vielleicht musste also nicht meine Loyalität verschwinden.
Nur meine Vorstellung davon, wie Loyalität aussehen muss, durfte sich verändern.
Innere Befriedung braucht kein äußeres Gleichgewicht
Interessanterweise führte diese Entwicklung keineswegs dazu, dass beide beruflichen Bereiche heute gleich viel Raum in meinem Leben einnehmen.
Durch erhebliche Veränderungen im Familienunternehmen, insbesondere in der Zeit um Corona, wandelte sich auch meine Rolle.
Heute arbeite ich fast ausschließlich remote für das Unternehmen und kümmere mich vor allem um virtuelle Interaktionen mit Kunden. Mit den Mitarbeitern vor Ort habe ich nur noch einige Male im Monat Kontakt.
Und das fühlt sich für mich stimmig an.
Denn ich habe etwas verstanden, das früher vielleicht schwer vorstellbar gewesen wäre:
Verbundenheit bemisst sich für mich nicht mehr an der Häufigkeit meiner Anwesenheit, sondern an der Qualität der Begegnung.
Wenn Fragen auftauchen, bin ich zuverlässig ansprechbar.
Nur geschieht dies heute mit deutlich mehr innerer Ruhe und Gelassenheit.
Die Zuverlässigkeit ist geblieben.
Die Verbundenheit ist geblieben.
Was weniger geworden ist, ist die innere Verpflichtung, beides durch Selbstbegrenzung beweisen zu müssen.
Vielleicht muss eine Zwickmühle gar nicht „gelöst“ werden
Meine Erfahrung lässt sich nicht einfach auf andere Menschen übertragen. Und nicht jede Zwickmühle lässt sich dadurch befrieden, dass ein gemeinsamer Kern gefunden wird.
Manchmal müssen wir uns entscheiden.
Manchmal bedeutet eine Entscheidung auch Abschied und Verlust.
Und manchmal entdecken wir tatsächlich, dass zwei Wege nicht miteinander vereinbar sind.
Doch bevor wir eine Zwickmühle ausschließlich auf der Ebene von A oder B lösen wollen, könnte es hilfreich sein, eine andere Ebene zu betreten.
Nicht nur:
Welche Seite ist die richtige?
Sondern:
Was möchte jede Seite für mich bewahren?
Welche Werte und Bedürfnisse liegen darunter?
Welche unausgesprochenen Regeln bestimmen, wie ich glaube, diese Werte leben zu müssen?
Welche Erfahrungen meines Lebens passen vielleicht schon heute nicht mehr vollständig zu diesen Regeln?
Welche Ressourcen habe ich bisher nur einer Seite zugeschrieben, obwohl sie eigentlich zu mir gehören?
Und schließlich:
Wie möchte ich sein – unabhängig davon, welche äußere Form daraus entsteht?
Vielleicht öffnet gerade diese letzte Frage einen Raum, in dem nicht sofort entschieden werden muss.
Wenn die innere Landkarte zu klein geworden ist
Gerade in der Lebensmitte können wir an einen Punkt gelangen, an dem frühere Vorstellungen nicht einfach falsch geworden sind.
Vielleicht haben sie uns lange getragen.
Vorstellungen darüber, was Verantwortung bedeutet.
Was Erfolg ausmacht.
Was wir unserer Familie schulden.
Was Sicherheit gibt.
Wer wir sein sollten.
Und dennoch können diese Vorstellungen irgendwann zu eng für den Menschen geworden sein, der wir inzwischen sind.
Das Tückische daran ist: Unser Leben kann währenddessen weiterhin funktionieren.
Es braucht nicht immer den großen Zusammenbruch, damit etwas nicht mehr stimmt. Manchmal zeigt sich die Veränderung viel leiser – als Unruhe, als nachlassende Lebendigkeit, als wiederkehrende Frage oder als schwer greifbares Empfinden, im eigenen Leben nicht mehr ganz am richtigen Platz zu sein.
Dann besteht die Aufgabe vielleicht nicht darin, das bisherige Leben abzuwerten oder alte Überzeugungen möglichst schnell loszuwerden.
Manches möchte zunächst verstanden und gewürdigt werden.
Und erst danach kann sich eine andere Frage öffnen:
Muss das, was einmal mein Ausdruck von Liebe, Loyalität, Sicherheit oder Verantwortung war, auch heute noch genau diese Form haben?
Vielleicht lassen sich manche Zwickmühlen nicht dadurch lösen, dass wir lange genug auf die beiden Wege vor uns schauen.
Vielleicht müssen wir irgendwann die innere Landkarte selbst in die Hand nehmen.
Und uns fragen, welche Grenzen wir dort einmal eingezeichnet haben – und ob sie heute noch stimmen.
Innere Freiheit hieße dann nicht, endlich für jede Zwickmühle die richtige Antwort zu kennen.
Vielleicht bedeutet sie etwas Leiseres:
Aus einer inneren Haltung heraus entscheiden und leben zu können, in der wir verbunden bleiben können, ohne uns selbst verlassen zu müssen.
Quellenangaben
Bernd Schmid / Klaus Jäger: Zwickmühlen. Oder: Wege aus dem Dilemma-Zirkel, Institutsschrift, 1986.
Bernd Schmid: Zwickmühlen und der Dilemma-Zirkel, 2022.